News / Ein neues Sportzentrum für die Jugendlichen von aminato Bern
Autor :Tanja Kammermann
Bildrechte Maximilian Lederer
Die letzte Bastion
Gefängnis, Strasse oder geschlossene Psychiatrie: Für viele junge Menschen, die bei aminato ankommen, sind das die einzigen Alternativen. Das Berner Team nimmt jene auf, bei denen andere aufgegeben haben. Jetzt ist es in ein ehemaliges Gewerbehaus an der Worblaufenstrasse gezogen. Ein Besuch.
Amin zieht ab. Der Ball knallt aufs Tor, hart, ohne Rücksicht. Im Tor steht Dario, ein Jugendlicher. Er wehrt mit blossen Händen ab und verzieht keine Miene. Kein Zucken, kein Grinsen. Wer gelernt hat, sich nichts anmerken zu lassen, lässt sich auch von einem Fussball nichts anmerken. Der Kunstrasen unter ihren Füssen stammt aus der Yakinhalle in Zürich. «Den konnten wir günstig abkaufen», sagt Amin Mokdad. Er hat aminato mitgegründet und leitet die Institution pädagogisch und strategisch.
Die Halle liegt im Untergeschoss eines Gebäudes an der Worblaufenstrasse. Früher war oben eine Brockenstube, unten eine Karosseriewerkstatt. Jetzt riecht es frisch saniert, überall stehen Kisten. Der Morgen war chaotisch. «Ein Bauarbeiter hat ein zentrales Stromkabel angespitzt, wir hatten länger keinen Strom», sagt Mario Wyssen, Leiter Tagesstruktur. Auch die Multiball-Wand streikt, eine interaktive Leinwand für Reaktionsspiele. Amin und Mario rätseln, woran es liegt. Aufregen tut sich niemand. Die Krise ist ihr Habitat.
Amin Mokdad (links) und Dario auf dem neuen Kunstrasen. Das Fussballspiel am Mittwochnachmittag ist ein fester Teil der neuen Tagesstruktur.
Die roten Fälle
Die jungen Menschen, die zu aminato kommen, sind zwischen 16 und 25 Jahre alt. Die meisten haben eine lange Reise durch Institutionen und Programme hinter sich. Viele sind dort herausgefallen, nicht nur einmal. Oder sie lebten auf der Strasse. Für aminato sind das keine Ausnahmen. Es sind genau die Fälle, für die das Team angefragt wird: die «roten». Sozialdienste und Einweiser, vor allem aus dem Kanton Bern, melden sich, wenn sonst niemand mehr einen Platz hat. Sie tragen auch die Kosten.
Das Gründungsteam kennt Krisen aus erster Hand. Jahrelang arbeitete es im Kriseninterventionsteam des Zentrums Bäregg für unbegleitete minderjährige Asylsuchende, im Pikettdienst, verteilt über den ganzen Kanton. Zu jeder Tages- oder Nachtzeit ausrücken, wenn alles aus dem Ruder läuft: Diese Erfahrung prägt aminato bis heute. 2019 begann alles in einem Büro von rund 25 Quadratmetern. Heute zählt aminato elf Mitarbeitende. Die Jugendlichen wohnen in rund 20 Wohnungen. Das Wachstum hat die Leitung bewusst gebremst. Die Wege sollen kurz bleiben, das Team belastbar. «So können wir bedarfsgerechte und massgeschneiderte Sondersettings anbieten und die Jugendlichen adäquat begleiten», sagt Amin.
In den neuen Räumen gibt es noch viel zu tun. Aber die Sofas passen genau so, wie geplant: High-Five von Amin Mokdad (links) und Donato Schwaller.
Zum hundertsten Mal
Was diese jungen Menschen mitbringen, ist vor allem Müdigkeit. Müdigkeit von Institutionen, von Neuanfängen, von Fachleuten. «Sie kommen hier an und denken: ok, jetzt muss ich zum 100. Mal meine Geschichte erzählen, ich bekomme eine neue Chance und verkacke es eh wieder», sagt Amin. Genau dort setzt er an. «Wir fragen dann: Aber warum bist du nun hier? Das heisst doch, du hast noch irgendwo Hoffnung, willst etwas bewegen. Dort knüpfen wir an.» Die Vorgeschichte ist wichtig, aber nicht im ersten Moment. Aminato beginnt mit einem weissen Blatt. Hier heisst es nicht «Das geht nicht», sondern «Wie schaffen wir das?». Ein festes Schema gibt es nicht. «Wer obdachlos ankommt, braucht zuerst Kleider, vier Wände und einen Rückzugsort. Alles andere kommt später», sagt Amin.
Rund 95 Prozent der Jugendlichen bei aminato sind junge Männer. Für sie ist Sport ein wichtiger Ausgleich. Im Bild: Rojan.
Wo die Schwelle liegt
Wie hart die Realität ist, zeigt dieser Satz. «Wenn sich jemand ritzt, bedeutet das nicht automatisch Suizidalität. Wir erleben Situationen, in denen es tatsächlich um Leben und Tod geht. Entscheidend ist, die Gefährdung richtig einzuschätzen und rechtzeitig zu handeln», sagt Donato. Er sagt das ruhig, ohne Pathos. Was für andere ein Notfall wäre, gehört bei aminato zum Alltag, den man ernst nimmt und aushält.
Ein junger Mann hat fünf Wohnungen zerstört. Er kann seine Impulse kaum kontrollieren. Aminato hält trotzdem an ihm fest. Die nächste Wohnung wird robust möbliert. Er wird mit dem Schaden konfrontiert und muss bei der Wohnungssuche selbst Verantwortung übernehmen. «Seine Alternativen sind meist Gefängnis, Strasse oder die geschlossene Psychiatrie», sagt Amin. «Darum geben wir möglichst niemanden auf.»
Gerade liegt eine Anfrage für einen jungen Menschen auf dem Tisch, für den bisher nirgends ein tragfähiges Setting gefunden werden konnte. Auch im Team zweifeln manche, ob das machbar ist. «Wir sind die letzte Bastion in der Aussichtslosigkeit», sagt Donato. «Darauf sind wir stolz, aber es ist auch frustrierend.» Diese Arbeit hält nicht jede und jeder aus. Manche neue Mitarbeitende gehen schon in der Probezeit. Wer bleibt, bleibt lange, manche schon seit vier Jahren. Die Voraussetzung ist dieselbe wie für die Jugendlichen: Krisen aushalten können.
Der Alltag ist oft hart, die Freude lassen sich Donato Schwaller (links) und Amin Mokdad trotzdem nicht nehmen. Ein paar Ballkontakte auf dem neuen Kunstrasen gehen auch in Hemd und Lederschuhen.
Eine Tür zum Zumachen
Wohngruppen gibt es bei aminato bewusst nicht. Die Jugendlichen leben in eigenen Wohnungen, verteilt über den Kanton Bern. Für viele ist gerade das Zusammenleben in der Gruppe das Hauptproblem. Gruppenregeln stehen ihrer Entwicklung oft im Weg. In einer eigenen Wohnung gibt es eine Tür, die man zumachen kann. «Und wir müssen keine einheitliche Bettzeit durchsetzen», sagt Donato.
Fünf Minuten
Wie schnell alles kippen kann, zeigt eine Geschichte, die Amin erzählt. Ein Jugendlicher hatte lange auf einen Schnuppertag hingearbeitet. Dann ging er aus Versehen auf die Damentoilette. Der Hauswart stellte ihn zur Rede. Er konnte damit nicht umgehen und ging nach Hause. «Die ganze Vorarbeit war in fünf Minuten dahin», sagt Amin. Deshalb baut aminato im neuen Haus eine Tagesstruktur auf: Bewegung und Aktivierung, Küche und Hauswirtschaft, Unterhalt. Hier dürfen die Jugendlichen Fehler machen, Rückschläge und Konflikte erleben, ohne gleich rauszufliegen. Wer regelmässig kommt, kann schnuppern gehen. Geht es schief, ist die Tagesstruktur der Ort, an den man zurückkehrt.
Im Gym steht Mario neben Rojan, einem Jugendlichen, der an einem Gerät trainiert. «Mach zehn bis zwölf Wiederholungen, sonst gibt’s zu viel Muskelkater. Kontrolliert und atmen nicht vergessen.» Ob er Krafttraining mag, frage ich Rojan: «Eigentlich mag ich lieber Fussball und so, aber irgendwann sieht man ja die Fortschritte und so. Und es lehrt mich Disziplin. Überall ist die Disziplin wichtig.» Alle bekommen einen eigenen Trainingsplan und lernen, die Geräte richtig zu nutzen, damit sie sich nicht verletzen. In einer Ecke steht ein Boxsack, gegenüber hängt ein Spiegel zum Schattenboxen. Boxen und Fussball haben sich die Jugendlichen selbst gewünscht. Spitzensport ist nicht das Ziel. «Es geht um Bewegung, um ein Gefühl für den eigenen Körper und um einen gesünderen Lebensstil», sagt Mario. Manche merken dabei, dass die täglichen Joints ihren Fortschritt bremsen. An einer Maschine oder auf einer Baustelle gilt dasselbe: Es braucht einen klaren Kopf.
Tacos und Facetime
In der grossen Küche mit Tischen und Sofas telefoniert Lea laut über Facetime, während sie kocht. Ein grosses Problem mit einer Kollegin muss gelöst werden. Heute gibt’s Tacos. «Ich bin nur Hilfskraft und darf Tomaten schneiden», sagt Sandra vom aminato-Team. Der Mittagstisch ist mehr als ein Essen. Wer um 10 Uhr pünktlich zum Kochen kommt, darf beim Menü mitreden. Angemeldet wird nicht, die meisten kommen spontan. Deshalb kocht das Team fünf bis sechs Portionen auf Reserve. «Freunde dürfen mitkommen, wenn sie uns vorgestellt werden. Weihnachten, Neujahr, Ramadan und Halloween feiern wir gemeinsam», sagt Amin. Der Tisch soll ein Ort sein, an dem man dazugehört, ein «Place to be».
Einige Jugendliche haben von sich aus nach Putz- und Hilfsarbeiten gefragt. Daraus soll ein Anreizmodell werden, das verlässliches Erscheinen belohnt. Einfach ist das nicht, weil die Jugendlichen vom Sozialdienst finanziert werden. Die Tagesstruktur soll den Weg zu Arbeits- und Ausbildungsprogrammen ebnen, nicht diese ersetzen. Die Zeit drängt. Die Einweiser geben einen knappen Rahmen vor und erwarten in dieser Zeit einen messbaren Nutzen. «Wo sich gerade etwas entwickelt, wünschen wir uns mehr Zeit mit den Jugendlichen», sagt Mario.
«Im Moment bin ich vor allem damit beschäftigt, die Dinge zu suchen»: Sandra Dubach vom aminato-Team (links) muss sich in der neuen Küche erst zurechtfinden. Lea ist heute verantwortlich fürs Kochen.
Die Wand im Kopf
Das neue Haus hat eine klare Ordnung. Oben wird gearbeitet: Coaching, Therapie, Besprechungen, Auszahlungen. Unten wird gelebt: Sport, Küche, Pingpong, ein Raum mit Musik und 3D-Drucker. «Die Steckdosen sind extra so gelegt, dass die Jugendlichen auf den Sofas chillen und gleichzeitig ihre Handys aufladen können», sagt Amin und lächelt. Ein Alarmknopf mit Lichtsignal verbindet die Stockwerke. Wenn es unten kritisch wird, soll oben sofort jemand davon wissen. Genau in dieser Ordnung sieht die Leitung auch eine Gefahr: dass zwischen Büro und Jugendlichen «im Kopf eine Wand» entsteht. Mit dem Wachstum fliesst mehr Zeit in Organisation und weniger in Beziehung. Die grösste Sorge: dass aminato für die Jugendlichen zu «einer weiteren Institution» wird. Zu einer von vielen, wo sie nicht mehr tragbar waren.
Zurück in die alte Enge will trotzdem niemand. Entscheidend sei nicht der Raum, sondern die Haltung der Menschen darin. Darum geht es in den nächsten Jahren: den Herzschlag ins ganze Team zu tragen, damit sich jede und jeder willkommen fühlt, der durch diese Tür kommt. Nach dem Mittagessen packen die Jugendlichen die Resten in Tupperware ein. Sie nehmen sie mit nach Hause, in ihre eigenen vier Wände.
Statt Weihnachtsgeschenken: ein Sportzentrum
Dieses Jahr verzichtet die GLAUX GROUP auf klassische Weihnachtsgeschenke für ihre socialweb-Kundinnen und -Kunden. Stattdessen unterstützt sie das Projekt eines Kunden mit einer Spende. Auf die Ausschreibung kamen zwölf sehr gute Eingaben. Die Wahl fiel auf das «Sportzentrum» von aminato. Mit den 5000 Franken hat aminato Fussballtore, Netze für Volleyball und Federball sowie Standboxsäcke gekauft, dazu Bälle, Schläger und Boxausrüstung. Vieles davon haben sich die Jugendlichen selbst gewünscht. «Wir sind sehr dankbar für die Unterstützung, das ist nicht selbstverständlich», sagt Amin Mokdad. «Das ist für uns sehr viel Geld, das wir sehr gut für die jungen Menschen nutzen können.»
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